"Zukunft OFFen": Gottesdienst am Buß- und Bettag 2020

Zum ersten Mal seit Mitte März haben wir in der Christuskirche wieder das Abendmahl gefeiert - natürlich unter Beachtung der Corona-Sicherheitsregeln. Auf die Austeilung des Kelchs wurde verzichtet; die Gottesdienstbesucherinnen und -besucher bekamen und aßen die Hostie an ihrem Platz.

Der Gottesdienst am Buß- und Bettag stand dieses Jahr unter dem Motto "Zukunft OFFen". Es reicht nicht, einfach einen Schalter umzulegen, wenn ich etwas in meinem Leben ändern will. Darum ging es in der Predigt von Pfarrerin Helga von Niedner.

Hier können Sie die Predigt anhören:
201118 Buß- und Bettag Zukunf OFFen.mp3

Hier können Sie die Predigt nachlesen:

"Zukunft OFFen"

Predigt zum Buß- und Bettag 2020

Liebe Gemeinde!

Ein simpler Schalter ist das Titelmotiv der Kampagne für den Buß- und Bettag in diesem Jahr. On oder off? Aus oder an? So ein Schalter wirkt unscheinbar und bewirkt doch viel. Jeden Tag drücken wir auf viele Schalter: Kaffeemaschine, Radio, Computer, Staubsauger, Lichtschalter. Wir sind gewohnt, alles zu regeln. An oder aus – das können wir auf Knopfdruck erreichen.

Als im Frühjahr die Corona-Pandemie über uns hereinbrach und das öffentliche Leben auf einen Schlag heruntergefahren wurde, da fühlte sich das so an, als hätte jemand einen besonders großen Schalter auf „Off“ umgelegt. Und leider können wir den nicht einfach in die „On“-Position bringen. Genauso wenig wie wir auf Knopfdruck Hoffnung und gute Laune anschalten können.

Einen Schalter umlegen würde auch der Prophet Jesaja gerne. Er ist nämlich überhaupt nicht zufrieden mit dem, was sein Volk so treibt. Und weil er das nicht einfach auf Knopfdruck beenden kann, hält er den Menschen vor Augen, was sie alles falsch machen – und das ist so ziemlich alles, was sie tun.

Ich lese aus dem Buch Jesaja im 1. Kapitel:

Höret des HERRN Wort, ihr Herren von Sodom! Nimm zu Ohren die Weisung unsres Gottes, du Volk von Gomorra! Was soll mir die Menge eurer Opfer?, spricht der HERR. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fettes von Mastkälbern und habe kein Gefallen am Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke.

Wenn ihr kommt, zu erscheinen vor meinem Angesicht – wer fordert denn von euch, dass ihr meine Vorhöfe zertretet? Bringt nicht mehr dar so vergebliche Speisopfer! Das Räucherwerk ist mir ein Gräuel! Neumond und Sabbat, den Ruf zur Versammlung – Frevel und Festversammlung – ich mag es nicht! Meine Seele ist feind euren Neumonden und Jahresfesten; sie sind mir eine Last, ich bin's müde, sie zu tragen.

Und wenn ihr auch eure Hände ausbreitet, verberge ich doch meine Augen vor euch; und wenn ihr auch viel betet, höre ich euch doch nicht; denn eure Hände sind voll Blut.

Wascht euch, reinigt euch, tut eure bösen Taten aus meinen Augen. Lasst ab vom Bösen, lernt Gutes tun! Trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schafft den Waisen Recht, führt der Witwen Sache!

So kommt denn und lasst uns miteinander rechten, spricht der HERR. Wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie rot ist wie Purpur, soll sie doch wie Wolle werden.

Es ist schon fast tragisch: Die Menschen wollten es Gott wirklich recht machen. Sie kommen fast gar nicht mehr aus dem Tempel heraus vor lauter Opfern und Gebeten. Viel hilft viel, war da wohl die Devise. Aber leider verlieren sie dabei alles andere aus den Augen: niemand kümmert sich um die Menschen nebenan, um die Armen und Unterdrückten, um die Witwen und Waisen. An den Händen, die zum Gebet gefaltet sind, klebt Blut, und das schreit zum Himmel. Alles falsch gemacht, sagt der Prophet. Höchste Zeit, dass jemand den Schalter umlegt.

Alles falsch gemacht! Man glaubt es kaum, aber auch in unserer modernen Zeit gibt es Menschen, die behaupten, die Corona-Pandemie sei eine Strafe Gottes für das sündige Verhalten der Menschen. Das ist, ehrlich gesagt, eine Denkweise, die eher ins Mittelalter passt als ins Jahr 2020, und sie offenbart auch ein ziemlich zynisches Gottesbild. Ich komme damit nicht klar.

Aber natürlich gibt es einen Zusammenhang: Dass Corona sich so ausbreiten kann, hat auch mit unserem Lebensstil zu tun. Wenn alle und alles ständig um den halben Globus unterwegs sind, dann kann sich so ein Virus leicht anhängen. Das ist die Kehrseite von Globalisierung und Mobilität.

Vielleicht bringt uns die Ausnahmesituation, in der wir nun schon seit einem Dreivierteljahr leben, zum Nachdenken über unseren Lebensstil und das, was uns wirklich wichtig ist. Vielleicht merken wir, dass es gut tun kann, wenn man den Schalter einmal bewusst auf „off“ umlegt und es ein weniger ruhiger angehen lässt. Bleibt zu hoffen, dass wir am Ende der Pandemie tatsächlich etwas dazugelernt haben.

Der Off-Schalter auf dem Plakatmotiv ist Teil eines Wortspiels: „Zukunft OFFen“. In der Strafpredigt des Jesaja gibt es einen Lichtstreif am Horizont. Es ist nicht zu spät; auch die sündhafte Vergangenheit hindert die Menschen nicht daran, es in Zukunft besser zu machen. „Wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden!“ Sie wird nicht etwa übertüncht und unsichtbar gemacht. Sie wird abgewaschen und ist dann weg.

Nichts anderes bekommen wir in der Beichte zugesagt: was dir auf der Seele liegt, nimmt Gott dir ab. Deine Sünde ist dir vergeben. Du kannst neue Wege gehen, unbelastet von der Vergangenheit. Deine Zukunft ist offen.

Es reicht nicht, nur mal eben einen Schalter umzulegen, wenn ich etwas in meinem Leben ändern will. So einfach ist das nicht; manchmal ist es sogar direkt schmerzhaft. Sich selbst und anderen gegenüber Fehler und Schuld einzugestehen, kostet Kraft. Aber es schenkt Freiheit. Nun kann ich das, was vor mir liegt, unbelastet angehen. Die Zukunft ist offen.

Amen.

Helga von Niedner