"Kindliche Unbefangenheit": Andacht zum 25. Oktober 2020

Glaube ist nicht nur etwas für die, die gebildet darüber diskutieren können. Darum geht es in der Andacht von Pfarrerin Helga von Niedner.

Hier können Sie die Andacht anhören:
201025 20nTr Kindliche Unbefangenheit.mp3

Hier können Sie die Andacht nachlesen:

Kindliche Unbefangenheit

Andacht zum 20. Sonntag nach Trinitatis, 25. Oktober 2020

Bei den allermeisten Taufen wird eine bestimmte Geschichte aus dem Markusevangelium vorgelesen: da wollen Eltern ihre Kinder zu Jesus bringen. Sie schieben sie in der Menge nach vorn, damit die Kleinen etwas sehen und Jesus ganz nahe kommen. Den Jüngern ist das nicht geheuer. Für sie haben Kinder in der Nähe des Meisters nichts zu suchen. Das gehört sich nicht – Glauben ist in ihren Augen etwas für große und gescheite Leute, Schriftgelehrte und gebildete Menschen diskutieren darüber. Für Kinder ist da kein Platz – sie verstehen ja nicht einmal, worum es überhaupt geht.

Für Jesus zählen diese Einwände nicht. Ihn beeindruckt die Unbefangenheit der Kinder. Er belehrt seine Jünger und die anderen, die meinen, sich in Glaubensdingen besonders gut auszukennen: „Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ Und dann lässt er die Kinder ganz nah an sich ran und legt ihnen zum Segen die Hände auf.

Man nennt diese Geschichte das „Kinderevangelium“, und es liefert den Grund, warum wir überhaupt Kinder taufen: man muss dafür nichts können oder beweisen, keinen Glaubenstest bestehen und auch kein Bekenntnis ablegen. Die Taufe, Gottes Ja zu uns, die gibt es ohne Vorbedingungen.

Die Unbefangenheit der Kindheit ist für die meisten von uns längst vorbei, und auch aus dem Kinderglauben sind wir rausgewachsen. Wir werden älter und lernen dazu, unsere Erfahrungen und Sorgen prägen uns – das verändert auch unseren Glauben, ein Leben lang. Und manches wird nicht unbedingt leichter, wenn man einen weiteren Lebenshorizont hat – aber jeder Glaube hat sein Recht.

Was Jesus an den Kindern beeindruckt, das ist ihre Direktheit. Sie kommen einfach, ohne sich groß Gedanken zu machen, ob das auch in Ordnung ist. Sie nehmen selbstverständlich an, was er austeilt. Sie fühlen sich wohl in seiner Nähe.

Jesus will nicht, dass wir unseren Verstand an der Kirchentüre abgeben. Auch der ist eine Gabe Gottes, die uns vieles erst möglich macht, und natürlich sollen wir ihn gebrauchen. Wir müssen uns nicht dumm stellen oder kleiner machen als wir sind, um vor Gott zu zählen. Aber wir sollten uns nicht zu wichtig nehmen und uns einbilden, dass alles von uns abhängt und davon, was wir können und tun. Und zumindest im Verhältnis zu Gott können wir uns von den Kindern etwas abschauen: manchmal ist es richtig, einfach das zu tun, wonach einem ist – ohne Einwände und Bedenkentragen, ob sich das so gehört. Denn Gott nimmt uns so, wie wir sind.

Amen.

Pfarrerin Helga von Niedner