"Jetzt ist Hochzeit!": Predigt zum 17. Januar 2021

Wer an Gott glaubt, hat allen Grund zur Freude, ohne dass er oder sie die Augen vor dem Elend verschließen muss. Darum geht es in der Predigt von Pfarrer von Niedner zum 2. Sonntag nach Trinitatis.

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210117 2nEp Jetzt ist Hochzeit!.mp3

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 Jetzt ist Hoch-Zeit!

Predigt zum 2. Sonntag nach Epiphanias am 17. Januar 2021

An Gott zu glauben ist für viele eine ernste Sache. Schon zur Zeit von Jesus gab es Menschen, die Gott einen Gefallen tun wollten, indem sie möglichst streng zu sich selbst waren: Sie fasteten. Da gab es die Gruppe der Pharisäer, die aßen zwei Tage in der Woche gar nichts, und es gab die Jünger von Johannes, dem Täufer, die aßen jeden Tag nur das allerallernötigste – denen hat also dauernd der Magen geknurrt. Weil sie meinten, dass Gott das von ihnen verlangt. Sie fasteten also, als ob sie das Reich Gottes herbei fasten könnten.

Die Jünger Jesu dagegen, sie fasteten nicht, überhaupt nicht. Das provozierte natürlich Fragen: „Warum fasten die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer, und deine Jünger fasten nicht?“ (Markus 2, 18) Und sicher steckte hinter der Frage auch ein Vorwurf: Ihr nehmt euren Glauben wohl nicht ernst.

Und Jesus antwortet: Genau! Meine Jünger nehmen den Glauben nicht ernst. Denn jetzt ist keine ernste Zeit, jetzt ist es Zeit sich zu freuen. Denn das, worauf Johannes und die Pharisäer hinhungern, es ist doch schon längst da. Bei einer Hochzeit käme doch auch niemand auf die Idee, zu fasten und ernst zu sein – und jetzt ist Hochzeit, sagt Jesus, er selbst ist der Bräutigam. Im Alten Testament wird die Beziehung zwischen und Gott und seinem Volk oft mit einer Ehe verglichen – mit einem Bund auf einer stabilen, verbindlichen Grundlage. Und an Weihnachten macht Gott klar, dass er eine Beziehung auf Augenhöhe möchte: Er wird selbst Mensch.

Jetzt ist Hochzeit, Heilszeit, sagt Jesus. Wer jetzt noch meint, er müsse das Heil noch herbei fasten oder auf andere Weise befördern, der rennt bei Gott buchstäblich offene Türen ein. Und wer eine offene Tür einrennt, fällt sehr leicht auf die Nase. Jetzt ist nicht die Zeit, ernst zu sein, jetzt ist Freudenzeit.

Wenn wir als Christinnen und Christen keine frohen Menschen sind – wer soll es sonst sein? Wo Gott uns doch an Weihnachten ein solches Geschenk gemacht hat: nämlich sich selbst!

Man kann das leicht missverstehen – als gäbe es nämlich im Leben eines Christen keinen Platz für Traurigkeit. Der Philosoph Friedrich Nietzsche hat gesagt: „Die Christen müssten mir erlöster aussehen. Bessere Lieder müssten sie mir singen, wenn ich an ihren Erlöser glauben sollte.“ Müssten, müssten, sollten – fällt Ihnen etwas auf? Das ist gar nicht me hr so weit weg von den Pharisäern und Johannes-Jüngern – nur dass hier nicht das Fasten, sondern die Freude zur religiösen Pflicht wird. Wenn man aber die Freude zu einer Christenpflicht macht, dann wird alles andere daraus, nur keine echte Freude, die von tief innen kommt.

Christen erkennt man nicht daran, dass sie mit einem Dauergrinsen durch die Welt laufen. Das wäre weltfremd. Denn die Welt ist immer noch oft genug zum Heulen, und Gott will bestimmt nicht, dass wir das Elend in der näheren und weiteren Welt verdrängen und uns krampfhaft zur Fröhlichkeit zu zwingen. Erstens, weil das gar nicht geht. Zweitens, weil das gar nicht gut wäre. Wir sollen die Augen aufmachen und das Elend wahrnehmen. Und wir sollen es nicht weglächeln, sondern versuchen, es kleiner zu machen, wo wir können. Es ist nicht unsere Christenpflicht, immer fröhlich zu sein. Das wäre oft sogar zynisch. Und selbst um andere trösten zu können, muss man nicht immer fröhlich sein. Oft ist es auch ungeheuer trostreich, wenn man miteinander weinen kann. „Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden“, rät Paulus der Gemeinde in Rom.

Und doch ist jetzt Heilszeit, Hochzeit, sagt Jesus: Gott ist für uns da. Das macht das Traurige im ersten Moment vielleicht nicht weniger traurig, aber es kann Kraft geben, das Traurige auszuhalten. Erstens, weil Gott es mitträgt, weil er uns tröstet, wenn wir traurig sind, genauso wie er mit uns feiert, wenn wir fröhlich sind.

Und zweitens lässt Gott uns weiter schauen, über die Traurigkeit hinaus. Denn er verspricht uns, dass die neue Zeit – wenn man so will: die Ehe zwischen Gott und Menschen – einmal völlige Wirklichkeit wird. Wenn Gott alle Tränen abwischen wird. Und wenn es keinen Grund mehr geben wird, traurig zu sein.

Mörike schreibt in einem Gedicht: „Herr, schicke, was du willst, / ein Liebes oder Leides;/ ich bin vergnügt, dass beides / aus deinen Händen quillt.“

Und Mörike schreibt das nicht, weil er Masochist war und Spaß am Leiden hatte; nein, in diesen Zeilen steckt vielmehr eine sehr beruhigte und beruhigende Gewissheit: dass Freude und Traurigkeit, ernste Zeiten und Hoch-Zeiten – dass beides in Gottes Hand steht. Und deswegen ist seit Weihnachten jede Zeit Hoch-Zeit.

Amen.