"Heimlich, still und leise": Predigt zum Nikolaustag 2020

Der zweite Adventssonntag fällt dieses Jahr auf den 6. Dezember - den Nikolaustag. Grund genug für Pfarrerin Helga von Niedner, sich in ihrer Predigt einmal mit dem legendären Bischof von Myra zu befassen, dem vielleicht bekanntesten heimlichen Wohltäter.

Hier können Sie die Predigt anhören:
201206 Nikolaus.mp3

Hier können Sie die Predigt nachlesen:

Heimlich, still und leise

Predigt zum Nikolaustag am 6. Dezember 2020

Liebe Gemeinde!

In der neuen Ordnung der Predigttexte, nach der wir uns seit zwei Jahren richten, gibt es erstaunlicherweise auch Texte zum Nikolaustag. Der dafür vorgesehene Predigttext steht im Buch Jesaja. Ich lese aus dem 61. Kapitel:

Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir, weil der HERR mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; zu verkündigen ein gnädiges Jahr des HERRN und einen Tag der Rache unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden. Ich freue mich im HERRN, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt. (Jes 61,1–2.10)

Vielleicht sind Sie jetzt ein bisschen irritiert. Was hat das alles mit dem Nikolaus zu tun? Und wer redet da? Deshalb will ich als erstes ein Missverständnis aus dem Weg räumen: diese Worte aus dem Jesajabuch handeln nicht vom Nikolaus! Das können sie auch gar nicht; von dem steht nämlich leider überhaupt nichts in der Bibel. Es gibt unzählige Geschichten über den Nikolaus; so ziemlich alles gehört in den Bereich der Legenden, und es stammt vor allem alles aus nachbiblischer Zeit. Es lässt sich nicht einmal sicher historisch belegen, dass er wirklich gelebt hat. Aber man kann zumindest sagen, dass es im 3. oder 4. Jahrhundert nach Christus sehr wahrscheinlich einen Bischof Nikolaus gegeben hat.

Aber zuerst einmal müssen wir noch ein paar Jahrhunderte zurück, in die Zeit nach dem babylonischen Exil, also etwa 500 Jahre vor Christi Geburt. So unklar es bleibt, wer in dem Text aus dem Jesajabuch spricht oder wer gemeint ist, so eindeutig ist seine Botschaft: Es sind gute Nachrichten für die Menschen, die am Boden sind und denen das Herz gebrochen ist. Und davon gab es damals viele: sie litten immer noch unter den Folgen des Exils, vielen ging es so richtig schlecht. An diese Elenden wendet sich der geheimnisvolle Sprecher mit der Botschaft: alles wird gut.

Diese Worte stehen im Alten Testament und stammen also aus der jüdischen Tradition, mit der unsere Religion die Wurzeln teilt. In der christlichen Tradition werden die Worte auf Jesus hin ausgelegt. Im Neuen Testament gibt es sogar eine Geschichte, wo Jesus genau über diese Worte predigt. Der angekündigte Retter und Friedensbote kann – mit einer christlichen Brille gelesen – nur Jesus sein oder zumindest auf ihn hinweisen.

Auf Jesus hinweisen – das tut auch der Nikolaus. Es wird erzählt, dass er Bischof war in einer Zeit, als die Christen von der römischen Staatsmacht heftig bedrängt wurden. In überwiegend heidnischer Umgebung hat er die Menschen dadurch beeindruckt, wie konsequent er seinen Glauben gelebt hat und wie barmherzig sein Handeln gewesen ist. Er hat es als seine Aufgabe angesehen, „den Elenden die frohe Botschaft zu bringen“ – wie schon der namenlose Retter aus dem Jesajabuch.

Eine der bekanntesten Geschichten über den Nikolaus ist die mit seinem Nachbarn. Der Mann war arm und konnte seine drei Töchter nicht verheiraten, weil er sich keine Aussteuer für sie leisten konnte. Deshalb war der Vater drauf und dran, die Mädchen in die Prostitution zu schicken – sie wären also auf dem Straßenstrich gelandet. Nikolaus, ein reicher junger Mann, erfuhr davon und wollte das unbedingt verhindern. Drei Nächte hintereinander warf er jeweils einen Klumpen Gold durch das Schlafzimmerfenster der Mädchen – heimlich und unerkannt. Die Mädchen waren gerettet und konnten heiraten.

Und es war eine gute Tat mit weitreichenden Folgen, nicht nur für die jungen Frauen: damit hat der Nikolaus nämlich das vorweihnachtliche Schenken erfunden! Jahrhundertelang gab es die Bescherung nicht an Weihnachten, sondern am Nikolaustag. Noch heute stellen Kinder am Abend des 5. Dezember ihren Stiefel vor die Tür. Vielleicht legt ja jemand was rein, heimlich und im Schutz der Dunkelheit (und wenn Äpfel dabei sind, dann erinnern die ursprünglich an die Goldklumpen aus der Geschichte).

Erst Martin Luther ging der Kult um den Nikolaus irgendwann zu weit, die Bescherung blieb ja nicht das einzige. Er wollte lieber einen eigenen Brauch erfinden. Und weil die Geburt Jesu das größte Geschenk Gottes an die Menschheit ist, sollten die Kinder an seinem Geburtstag, also an Weihnachten beschert werden und nicht mehr am Gedenktag eines Heiligen.

Wir Evangelischen sind ja mit allem, was nach Heiligenverehrung riecht, sehr zurückhaltend – und das ist auch gut so. Aber wir können uns den Nikolaus gut als christliches Vorbild nehmen und als einen, der Jesu Botschaft ernst genommen hat. Er hat geholfen, wo die Not am größten war. Er hat den Elenden gegeben, was sie am dringendsten brauchten – im wahrsten Sinne des Wortes heimlich, still und leise.

Wenn wir auch so bedingungslos geben können, dann haben wir schon viel gelernt. Von Gott bekommen wir ja auch das, was wir am Nötigsten brauchen, ohne Bedingungen und ohne Wenn und Aber. Und das können wir dann genauso annehmen wie die Kinder, die am Nikolausmorgen neugierig in den Stiefel schauen: freudig überrascht und dankbar und mit offenen Händen und Herzen.

Amen.

Helga von Niedner