"Glück ist Vertrauenssache": Gottesdienst zum Reformationstag am 1. November

Bereits zum zweiten Mal haben wir unseren Sonntagsgottesdienst gleichzeitig in Christuskirche und Gemeindehaus gefeiert, es war zugleich die Premiere für unsere neue Video-Übertragungsanlage. Insgesamt etwa 20 Menschen waren dabei, und auch unter Corona-Bedingungen wären noch Plätze zu haben gewesen.

"Wie kriege ich einen gnädigen Gott?" Diese Frage ließ Martin Luther keine Ruhe - sie war letztlich der Anstoß für die Reformation. Wie schaffe ich es, dass Gott auf meiner Seite ist? Darum ging es in der Predigt von Pfarrer Moritz von Niedner.

Hier können Sie die Predigt anhören:
201101 Reformationsfest Glück ist Vertrauenssache.mp3

Hier können Sie die Predigt nachlesen:

Glück ist Vertrauenssache

Predigt zum Reformationstag am 1. November 2020

Liebe Gemeinde!

Heute geht es um das Bekenntnis. Klar, werden Sie sagen, wir feiern Reformation, und deren Ergebnis war schließlich das lutherische Bekenntnis und die Abgrenzung zum römisch-katholischen Bekenntnis. In unserem heutigen Bibeltext für die Predigt sagt Jesus: Ja, es kommt tatsächlich auf das richtige Bekenntnis an. Aber nicht so, wie wir vielleicht denken. Ich lese aus dem Matthäusevangelium im 10. Kapitel:

Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern. Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge. Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.

Wie schaffe ich es, dass Gott auf meiner Seite ist? Ohne diese Frage, liebe Gemeinde, würden wir heute nicht hier sitzen und den Reformationstag feiern. Denn genau das war die Frage, die Martin Luther keine Ruhe gelassen hat, die Frage: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ Also: Wie schaffe ich es, dass Gott sich zu mir bekennt? Jesus sagt: indem wir uns zu ihm bekennen. Gut, ein Glaubensbekenntnis ist schnell gesprochen, kein Problem – aber Martin Luther hat sehr gut gespürt: Damit ist es nicht getan. Gott will kein Lippenbekenntnis – Gott will, dass mein ganzes Leben ein Glaubensbekenntnis ist. Darum ist Martin Luther ins Kloster gegangen, er hat alle Regeln und Gebote so gewissenhaft befolgt wie nur möglich, er hat sich verzweifelt bemüht, das richtige, das perfekte Glaubensbekenntnis zu leben – ja, und er ist wirklich fast verzweifelt daran.

Luther hat Jahre gebraucht, um zu erkennen: Diese Besessenheit von einem perfekten christlichen Leben – die ist weniger ein Bekenntnis zu Jesus Christus, die ist vielmehr ein Bekenntnis zu meiner eigenen Leistungsfähigkeit. Wer sich den Himmel selbst verdienen will, der verstößt im Grunde gegen das erste Gebot: „Ich bin der Herr, dein Gott.“ Denn wer meint, er könne aus eigener Kraft durch ein gutes Leben in den Himmel kommen – der braucht eigentlich gar keinen Gott.

Heute, 500 Jahre später, ist zwar die Problemlage etwas anders. Die meisten Menschen haben nicht das Problem, dass Gott zu viel von ihnen erwartet. Sondern es ist eigentlich genau umgekehrt: Die meisten Menschen erwarten nicht mehr viel von Gott. Aber interessanterweise ist das Ergebnis dasselbe: In beiden Fällen bin ich selbst dafür verantwortlich, dass mein Leben gelingt. Ich muss selbst meines Glückes Schmied sein.

Und wenn ich dann so einen selbstgeschmiedeten Klumpen daliegen habe, so wie beim Bleigießen, aber ich kann da beim besten Willen nichts Glückliches rauslesen – was dann? Ich hab‘s ja selbst verbockt. Das Glück – die Bibel sagt: die Seligkeit –, das ist eben doch eine Nummer zu groß für meine Verantwortung.

Nein, wir können uns den Himmel nicht verdienen – und wir sollen es auch gar nicht erst versuchen. Wenn wir immer beide Hände voll damit zu tun haben, unser Glück selbst zu schmieden, dann haben wir gar keine Hand mehr frei frei für die Seligkeit, die Gott uns schenken möchte.

Sein Beichtvater Johann von Staupitz gibt Luther den Rat, sich ganz und gar Jesus Christus anzuvertrauen. Und das ist dann schließlich die Erkenntnis, der wir die Reformation verdanken: Das Glück unseres Lebens ist keine Leistungsfrage – unser Glück ist Vertrauenssache.

Vertrauen ist nicht so einfach, es hat nämlich mit Loslassen zu tun, und da sind wir nicht immer so gut drin.

Aber es liegt eine große Verheißung im Vertrauen. Das Vertrauen ist mein existentielles Bekenntnis zu Gott. Das heißt: Ich habe Gott auf meiner Seite – und das gibt mir eine unglaubliche Freiheit! Ich muss keine Angst mehr haben, dass es vielleicht nichts wird mit meinem Glück – es liegt ja in Gottes Händen! Ich brauche keine Angst mehr zu haben vor Menschen oder Dingen, die mich unter Druck setzen oder zum Schweigen bringen wollen – Gott, der mächtiger ist als alles andere, er ist auf meiner Seite. Paulus bringt das sehr schön auf den Punkt, in einem Vers, der zufällig auch mein Konfirmationsspruch ist: „Ist Gott für uns, wer kann gegen uns sein?“ In dieser Gelassenheit können wir das Unglück durchstehen und unser Glück finden.

Amen.