"Gerechte Gnade": Andacht zum 15. November 2020

Das Jüngste Gericht - in unzähligen Gemälden und Skulpturen ist es dargestellt: Die Guten kommen in den Himmel, die Bösen in die Hölle. Aber ist es wirklich so einfach? Darum geht es in der Andacht von Pfarrer Moritz von Niedner.

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"Gerechte Gnade"

Andacht zum vorletzten Sonntag des Kirchenjahres

Der zweite Sonntag vor dem 1. Advent steht im Kalender als Volkstrauertag. Im Kirchenjahr ist er der vorletzte Sonntag, und an diesem Sonntag geht es um das Urteil Gottes über unser Leben. „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi“, schreibt Paulus im 2. Korintherbrief. In vielen Kirchen finden sich Darstellungen dieses Gerichts, zum Beispiel über dem Fürstenportal des Bamberger Doms: Auf der rechten Seite stehen die Guten, also die Menschen, die sich an Gottes Gebot der Nächstenliebe gehalten haben – sie werden belohnt mit dem ewigen Leben bei Gott. Auf der anderen Seite die Bösen: Ihnen war das Schicksal ihrer Mitmenschen egal – und dafür werden sie bestraft.

Auf den ersten Blick also eine klare Sache: Die Guten kommen in den Himmel, die Schlechten in die Hölle. Auf den zweiten Blick ist die Sache schon schwieriger: Denn wer kann schon guten Gewissens von sich behaupten, er hätte das Gebot der Nächstenliebe immer erfüllt? Und wer ist schon so schlecht, dass er sich nie im Leben um andere gekümmert hätte?

Was passiert mit also mit den Menschen, die Gutes und Schlechtes getan haben? Diese Frage hat die Christen immer beschäftigt. Und so kam man auf den Gedanken, dass Gott beim „Jüngsten Gericht“ abwiegt: die guten gegen die schlechten Taten. Aber kann man Gutes und Böses gegeneinander aufwiegen? Wie viel wiegt ein „Du Vollidiot“, wie viel eine Liebeserklärung? Kann ein Mörder seine Bilanz wieder in Ordnung bringen, indem er einem anderen das Leben rettet? Oder ist die Gerechtigkeit erst dann wieder hergestellt, wenn er selbst mit seinem Leben dafür büßt?

Was heißt überhaupt Gerechtigkeit? Dass jeder bekommt, was er verdient? Damit hätten wir bei Gott schlechte Karten – dafür gibt es nach seinen Maßstäben einfach zu viele Flecken auf unserer eher grauen Weste. Oder heißt Gerechtigkeit nicht eher: Jeder bekommt das, was er braucht? Was wir als Christen nötig haben, das ist mit einem Wort gesagt: nämlich Gnade. Gnade heißt: Wir kommen heil aus dem Gericht heraus – obwohl wir Strafe verdient hätten. Und genau das ist Gottes Gerechtigkeit.

Aber was ist mit den Opfern? Mit denen, die links liegen geblieben sind? Die Opfer von Krieg, Gewalt und Terror? Wenn Gott gnädig ist mit den Tätern – wie kommen dann die Opfer zu ihrem Recht? Gerechtigkeit für die Opfer heißt: Alles Unrecht wird noch einmal zur Sprache kommen. Täter und Opfer werden sich noch einmal gegenüber stehen. Und spätestens dann müssen die Täter ihren Taten und ihren Opfern ins Auge sehen – dafür wird Gottes Gericht sorgen. Er führt uns noch einmal vor Augen, wo wir schuldig geworden sind an unserem Nächsten, sei es absichtlich oder fahrlässig. Und natürlich wird das schmerzlich für uns. Aber anders kann es keine Versöhnung geben mit denen, die noch eine Rechnung mit uns offen haben.

Denn das ist letztlich die Gerechtigkeit, die Gott möchte: dass wir versöhnt mit Gott und unseren Mitmenschen leben können. Nur so kann ich mir eine ewige, eine himmlische Seligkeit vorstellen. Und für diese Gerechtigkeit wird Gott sorgen – mit seinem unbestechlichen, aber gnädigen Gericht. Denn „richten“ heißt für Gott nicht „verurteilen“ – „richten“ heißt „zurecht bringen“, also reparieren. Gott wird die Beziehungen unter uns reparieren – eine himmlische Vorstellung.

Amen.

Pfarrer Moritz von Niedner