"Ein prima Geschäft": Andacht zu Weihnachten 2020

Für den Einzelhandel war es dieses Jahr kein gutes Weihnachten. Das eigentliche "Weihnachtsgeschäft" aber findet zuverlässig statt. Darum geht es in der Andacht von Pfarrer Moritz von Niedner.

Hier können Sie die Andacht anhören:
201225 1. Weihnachtstag Prima Geschäft.mp3

Hier können Sie die Andacht nachlesen:

Ein gutes Geschäft

Andacht zu Weihnachten 2020

Das Weihnachtsgeschäft ist ja dieses Jahr eher mau ausgefallen – auch wenn viele am Tag vor dem Lockdown noch die Innenstädte gestürmt haben.

Und auch der Austausch von Geschenken wird heuer etwas kleiner ausfallen.

Das Hauptgeschäft an Weihnachten allerdings, das spielt sich nicht im Laden, im Internet oder unter dem Baum ab. Paulus schreibt im zweiten Brief an die Korinther im 8. Kapitel:

Ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet. (2. Kor 8, 9)

In diesem einen Satz steckt das gesamte Weihnachtsevangelium, und nicht nur das: darin steckt die gesamte frohe Botschaft von Jesus Christus.

Worum geht es da? Ein Reicher wird arm, weil andere reich beschenkt werden sollen. Hat sich da einer finanziell übernommen bei der vorweihnachtlichen Online-Bestellung? Oder war hier Robin Hood am Werk – den Reichen wegnehmen, um es den Armen zu geben?

Nein, das alles meint Paulus nicht. Wenn hier von „arm“ und „reich“ die Rede ist, dann geht es nicht ums Haben, sondern da geht es ums Sein – um unser Dasein als Menschen und um das Dasein Gottes als Gott.

Was bedeutet das, göttliche Existenz? Wie ist Gott denn so? Wir würden doch sagen: groß, mächtig, prächtig, über den Dingen stehend – göttlich halt.

In unserem menschlichen Leben dagegen geht es nicht immer so groß und mächtig und prächtig zu, und über den Dingen stehen wir auch eher selten. Oft sind wir den Dingen und Ereignissen eher ausgeliefert, als dass wir die Fäden in Hand hielten. So ist unser Dasein – menschlich halt.

Und jetzt nehmen wir den Satz von Paulus und ersetzen das Wort „reich“ durch „göttlich“ und das Wort „arm“ durch „menschlich“. Dann geht der Satz so:

"Ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: obwohl er göttlich ist (also mächtig, unverletzlich etc.), wurde er doch menschlich (also weitgehend machtlos, leidensanfällig etc.) um euretwillen, damit ihr durch seine Menschlichkeit göttlich würdet."

Das ist das wahre Weihnachtsgeschäft, der ganz große Tausch, um den es an Weihnachten geht: Nicht der Tausch von Geld gegen Ware, nicht der Austausch von Geschenken, nein, Gott selbst tauscht mit uns. Er tauscht sein Dasein gegen unseres: Gott wird Mensch.

Wohlgemerkt: Gott gibt nicht nur ein bisschen was von seinem Reichtum, von seiner göttlichen Macht ab, nein – er wird arm, er gibt alle göttlichen Eigenschaften auf, er wird Mensch, er macht ein Menschenleben mit von der Geburt bis zum Tod.

Das allein ist schon bemerkenswert – aber Gott geht noch weiter: Das Leben, in das er einsteigt, das ist kein privilegiertes, kein vornehmes, behütetes, abgesichertes Leben. Nein, das ist ein Leben auf der unteren Stufe, es beginnt in einem Stall, verläuft in bescheidenen Verhältnissen und endet schließlich am Kreuz.

Gott verzichtet also nicht nur völlig auf seine Göttlichkeit – am Ende erfährt er nicht einmal Menschlichkeit.

Warum macht Gott so was? Warum macht er sich freiwillig klein? Antwort: Weil Gott uns liebt! Und das kennen wir aus eigener Erfahrung: Wer liebt, möchte dem oder der Geliebten nahe sein. Wer liebt, denkt nicht an den eigenen Vorteil. Wer liebt, möchte, dass es dem Geliebten gut geht. Und: Wer liebt, möchte den anderen zu nichts zwingen.

Und darum will Gott uns auch nicht dazu zwingen, an ihn zu glauben, er will uns nicht überwältigen, darum kommt er nicht mit Pomp und Macht. Vertrauen kann man nicht erzwingen – und genau das möchte Gott: dass wir Vertrauen zu ihm haben! Und darum macht Gott sich klein, er stellt sich mit uns auf eine Stufe.

Ja, Gott möchte, dass wir Vertrauen zu ihm haben. Dass wir uns auf ihn verlassen. Denn dieses Vertrauen, das ist der größte Reichtum, den wir Menschen haben können. Wenn wir im Vertrauen auf Gott leben, dann stehen wir schon mit einem Bein im Reich Gottes – weil wir ja zu ihm gehören. Und so wie Gott unser menschliches Leben mit uns teilt, so verspricht er uns, dass wir auch seine göttliche Ewigkeit mit ihm teilen werden.

Das, liebe Gemeinde, ist das ganz große Geschäft, um das es an Weihnachten geht, und das entscheidet sich weder an der Kaufhauskasse noch unter dem Weihnachtsbaum: Gott macht sich klein, damit wir groß werden. Für Gott, könnte man meinen, ein schlechter Tausch. Aber genaugenommen ist es ja gar kein Tausch – Gott macht uns da vielmehr ein Riesengeschenk. Luther hat das ein „admirabile commercium“ genannt, ein wundersames Geschäft – einen fröhlichen Wechsel: Gott nimmt unsere beschränkte, menschliche Existenz – und wir bekommen dafür seine göttliche Gemeinschaft. Er wird Mensch und erhebt uns damit zu seinen Söhnen und Töchtern.

Ein Riesengeschenk. Und da stellt sich fast automatisch die Frage: Wie können wir das angemessen erwidern? Was können wir zurückschenken? Die Antwort ist sehr einfach: Wir brauchen dieses Geschenk nur dankbar anzunehmen – und aus dieser Dankbarkeit wird sich alles andere von selbst ergeben – die Liebe zu Gott, die Liebe zu unseren Mitmenschen. Und diese Liebe, die wird man spüren, die wird die Welt bereichern. „Ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet.“ Ein gutes Geschäft – Gott sei Dank!

Amen.

Pfarrer Moritz von Niedner