"Die Macht der Esel": Predigt zum 1. Advent 2020

Mit dem Gottesdienst am 1. Advent ist unsere Kirchengemeinde in das neue Kirchenjahr gestartet und gleichzeitig zum normalen Gottesdienstrhythmus zurückgekehrt: Künftig wird wieder jeden Sonntag Gottesdienst in der Christuskirche gefeiert und ins Gemeindehaus übertragen, so dass auch zu Corona-Bedingungen insgesamt über 40 Plätze zur Verfügung stehen.

Gott braucht die Esel, um seine Botschaft in die Welt zu bringen. Darum ging es in der Predigt von Pfarrer Moritz von Niedner.

Hier können Sie die Predigt anhören:
201129 1. Advent Die Macht der Esel.mp3

Hier können Sie die Predigt nachlesen:

Die Macht der Esel

Predigt zum 1. Advent am 29. November 2020

Liebe Gemeinde!

Vor vier Jahren erwartete die Welt die Ankunft eines neuen Herrschers: Donald Trump, am 4. November 2016 zum Präsidenten gewählt, bereitete sich auf die Amtsübernahme vor. Die fand dann im Januar 2017 statt, laut Trump selbst war es die größte der Geschichte. Und auch sonst hatte er es nicht so mit der Bescheidenheit: Alles, was er tat, fand er selbst mindestens „great“, sogar sein Management der Corona-Krise, die inzwischen über 260 000 Menschen in den USA das Leben gekostet hat. Zum Golfplatz fährt er mit Limousine oder lässt sich gleich mit dem Hubschrauber fliegen. Die letzten Tage im Amt nutzt er dazu, um seine Gefolgsleute, die für ihn gelogen und betrogen und darum Ärger mit dem Staatsanwalt haben, zu begnadigen. Recht und Wahrheit interessieren ihn nur dann, wenn sie ihm nützen.

Im krassen Gegensatz dazu der kommende Herrscher, den der Prophet Sacharja ankündigt – ich lese aus dem 9. Kapitel:

Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. Denn ich will die Wagen vernichten in Ephraim und die Rosse in Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde. (Sacharja 9, 9–10)

Liebe Gemeinde!

Was soll das denn sein? Ein armer König ohne Statussymbole? Auf einem Esel, mehr Gepäckträger als Fortbewegungsmittel? Einer, der alle Machtmittel aus der Hand gibt, der radikal abrüstet?

Man kann sich gut vorstellen, was Donald Trump über so einem König getwittert hätte: „total loser, so sad“ – ein Verlierer auf ganzer Linie, traurig anzuschauen.

Zeichen von Schwäche und Demut sind im System von Machtmenschen nicht vorgesehen. Mächtig ist, wer sich durchsetzt, wer den anderen zeigt, wo es langgeht, und wer nicht spurt, wird auf Linie gebracht. Und auch wenn Donald Trump demnächst Geschichte ist: Er hat wird nachwirken – denn er hat den Möchtegern-Diktatoren dieser Welt vorgemacht, dass man weit kommt, wenn man nur dreist und rücksichtslos genug ist.

Die Welt braucht andere Herrscher, das stimmt. Aber selbst der gewissenhafteste, bescheidenste Regierungschef kommt nicht ohne gewisse Attribute der Macht aus – Regieren bedeutet auch die Bereitschaft, etwas durchzusetzen, was man für richtig hält, auch wenn es Widerstände gibt. Denn leider tun Menschen nicht immer von sich aus das, was richtig und vernünftig wäre und der Gemeinschaft dient – das sehen wir gerade zur Zeit im Umgang mit den Corona-Regeln. Und wo Menschen ihr eigenes Ding machen ohne Rücksicht auf andere, da geht es oft nicht ohne Zwang.

Sacharja kündigt einen anderen Herrscher an: einen König ohne alle Symbole der Macht. Ohne großen Auftritt, ohne Zwangsmittel, ohne finanziellen Möglichkeiten.

Kann das funktionieren? Ist das nicht naiv? Wie soll sich so ein Herrscher durchsetzen? Wie soll den jemand ernst nehmen?

Aber vielleicht ist das genau der Plan. Vielleicht ist das genau der Sinn des Advents: Gott macht es nicht so, wie wir es schon immer gemacht haben. Die Geschichtsbücher sind voller Versuche, die Welt zu verändern und zu verbessern mit Druck und Gewalt. Gott versucht etwas völlig Neues: Er verzichtet auf jeden Druck – er möchte die Welt verändern, indem er sie für sich gewinnt.

Darum macht sich Gott auf einen unbequemen, beschwerlichen Weg: Er wird selbst als Mensch zu den Menschen kommen. Er wird seine Liebe persönlich unter die Leute bringen. Er will die Menschen nicht überwältigen, indem er zeigt, was er alles ist und kann. Nein, Gott will mit seiner Liebe unser Herz verändern, damit wir wiederum aus Liebe zu ihm und zu unseren Mitmenschen das tun, was gut tut. Und dafür nimmt er Rückschläge in Kauf, er nimmt es hin, wenn man ihn auslacht als Naivling, ja, als gutmütigen Esel.

Aber wo liegt da die Beleidigung? Der Esel war im biblischen Israel ein sehr geschätztes Haustier – weil er absolut alltagstauglich ist. Der Esel macht freilich nicht so viel her wie ein edles Pferd – aber er ist klein und robust. Er ist vielleicht nicht der Schnellste – aber er hat Ausdauer und Kraft. Er drängelt sich nicht in den Vordergrund, sondern er macht beharrlich seine Arbeit, auch wenn sie schwer ist.

Der Esel hat seinen Platz nicht in den Palästen der Mächtigen, sondern im Alltag der ganz normalen Leute. Genau da, wo Gott auch sein möchte.

Wenn Gott als Herrscher bei uns einzieht, dann auf einem Esel: weil er herrschen möchte, indem er dient. Weil er nicht selbst den großen Auftritt sucht, sondern die Welt vorwärts bringen möchte.

Einen solchen Herrscher brauchen wir. Und die gute Nachricht des Propheten Sacharja ist: Dieser Herrscher ist schon auf dem Weg. Auf einem Esel. Und darum können auch wir es riskieren, dass wir uns selbst zum Esel machen – in Gottes Namen: dass wir nämlich Christus zu den Menschen bringen. Dass wir denen, die belastet sind, tragen helfen. Mit Ausdauer, Kraft, ja, auch mit einer guten Portion Sturheit, die sich auch dann nicht beirren lässt, wenn andere über uns den Kopf schütteln.

Gott braucht die Esel, damit die frohe Botschaft bei den Menschen einziehen kann. Ja, die Esel sind selbst Zeichen für diese neue, ungewöhnliche Botschaft: Gott kommt, um zu herrschen – aber ganz anders als die Herrscher dieser Welt. Und das wird die Welt mehr verändern als jeder Machtwechsel zuvor.

Amen.

Pfarrer Moritz von Niedner