"Auf einen anderen warten?": Predigt zum 3. Advent am 13. Dezember 2020

Trotz Gesangsverbot haben wir am 3. Advent in der Christuskirche und im Gemeindehaus Gottesdienst gefeiert - auch unter strenger Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln waren die Plätze nicht knapp.

Advent heißt Warten auf Gottes Ankunft in der Welt. Aber ist die Hoffnung auf Gott überhaupt berechtigt, oder sollten wir lieber auf einen anderen warten? Um diese Frage, die sich (nicht nur) Johannes der Täufer stellt, ging es in der Predigt von Pfarrer Moritz von Niedner.

Hier können Sie die Predigt anhören:
201213 3.Advent Auf einen anderen warten.mp3

Hier können Sie die Predigt nachlesen:

Auf einen anderen warten?

Predigt zum 3. Advent am 13. Dezember 2020

Liebe Gemeinde!

„Bereitet dem Herrn den Weg“ – das ist das Thema des 3. Advents. Und ein Name ist ganz eng mit dem Weg-Bereiten verbunden: Johannes der Täufer – der Wegbereiter des Herrn.

Johannes ist der Sohn von Elisabeth und Zacharias, ein halbes Jahr älter als Jesus. Sie haben sich immer Kinder gewünscht, aber bis ins hohe Alter hat es nicht geklappt. Als Johannes dann auf die Welt kommt, da ist Zacharias außer sich vor Freude – seinen Lobgesang (Lk 1, 68–79) haben wir vorhin miteinander gesprochen.

Mit etwa 30 Jahren geht Johannes in die Wüste. Sein Gefühl – oder ist es eine Eingebung Gottes – sagt ihm: Jetzt ist es soweit – jetzt kann es nicht mehr lange dauern, bis Gott sich endlich zeigt und endlich für Gerechtigkeit sorgt in der Welt. Das predigt er allen, die es hören wollen – und das sind viele. Aus Jerusalem kommen sie und aus der ganzen Umgebung, um ihn zu hören. Dabei ist das, was Johannes zu sagen hat, keine leichte Kost, im Gegenteil: Johannes redet den Leuten ins Gewissen. Gott kommt, um Gericht zu halten – und in seinem Zorn wird er die Sünder strafen. Johannes sagt: „Jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Also bessert euer Leben!“

Die Botschaft gefällt nicht jedem, auch nicht dem König Herodes. Johannes landet im Gefängnis. Dort kann er nun nicht mehr predigen oder taufen, aber er hat immer noch seine Kontakte nach draußen. Seine Anhänger versorgen ihn mit Neuigkeiten: dass da ein gewisser Jesus von Nazareth durchs Land zieht, der von der Herrschaft Gottes redet. Und natürlich hofft Johannes, dass jetzt endlich wahr wird, was er so lange schon hofft und predigt: dass Gott der Welt endlich zeigt, wie groß seine Macht ist.

Aber was Johannes in seinem Kerker erfährt, das macht ihm ernsthaft Sorgen: Jesus scheint nicht der zu sein, von dem Johannes gepredigt hat. Das ist nicht der starke, mächtige, unbarmherzig-unbestechliche Richter, der mit Feuer tauft, der den schlechten Baum einfach abhaut. Nein, Jesus predigt: „Selig sind die die Sanftmütigen und Friedfertigen“. Er lehnt jede Gewalt ab, mahnt dazu, auch die Feinde zu lieben.

Und Johannes in seiner Zelle wird nervös. Er weiß doch, wie sehr die Zeit drängt. Jetzt – jetzt ist doch der Zeitpunkt gekommen! Zeig deine Macht, großer Gott! Willst du diese Gelegenheit verstreichen lassen?

Schließlich hält es Johannes nicht mehr aus. Er muss Gewissheit haben. Und so schickt er ein paar seiner Leute zu Jesus:

Als aber Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger und ließ ihn fragen: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert. (Mt 11, 2–10)

Liebe Gemeinde!

Eine direkte Antwort sieht anders aus. „Sagt Johannes, was ihr hört und seht“ – ich hatte mal einen Physiklehrer, dessen liebste Antwort war: „Diese Frage kannst du dir selbst beantworten“, und wir haben sie gehasst, diese Antwort. Ich stelle mir vor, Johannes geht es ähnlich: Er möchte eine Antwort auf seine dringendste Frage haben – und ist doch genauso schlau wie vorher.

Denn er ist ja nicht blind durch die Gegend gelaufen, und auch seine Jünger nicht, die ihn mit Informationen versorgen. Sicher, sie haben schon mitbekommen, dass Jesus ein paar Kranke geheilt hat – aber was ist das schon bei der großen Zahl derer, die noch krank sind? Sie haben schon gehört, dass Jesus gerade den armen Gestalten das Reich Gottes verspricht – aber hat dadurch auch nur einer von ihnen mehr zu essen? Hat dadurch auch nur ein römischer Soldat das Land verlassen?

Sicher, das alles sind Zeichen – aber das Problem ist: Sie sind nicht eindeutig, sie sind klein und unscheinbar.

Ich stelle mir vor, ich stecke in der Krise, ich weiß nicht, wie es weitergehen wird, ich zweifle und verzweifle an mir, an der Welt. Und ich frage: Gott, wo bleibst du? – würde es mir was helfen, wenn Gott mir die Antwort gibt: „Schau doch in die Zeitung!“?

Natürlich würde ich da durchaus hoffnungsvolle Geschichten lesen können. Dass eine Spendenaktion das beste Ergebnis aller Zeiten hat. Dass es einen Impfstoff gegen Corona gibt.

Das wäre vielleicht so viel in der Zeitung. Aber in der selben Ausgabe würden wir so viel lesen über Ansteckungszahlen und Lockdown und Wirtschaftskrise, über die Klimakatastrophe, über Terror und Krieg und so weiter.

Wenn wir danach gehen, was wir hören und sehen, dann bleibt uns nicht viel Hoffnung. Die Hoffnungszeichen gehen schlichtweg unter zwischen den Horrormeldungen. Das ist genau das Problem, das Johannes der Täufer mit der Antwort Jesu hat: Die Zeichen sind schon da – aber sie sind verschwindend klein. Und Beweise dafür, dass Gott da ist, sind sie schon gleich gar nicht.

Nun, wenn wir auf Beweise warten, dann können wir lange warten. Wir müssen damit leben, dass Gott oft verborgen ist. Wir müssen mit dem Zweifel leben, dass es Gott ebenso gut auch nicht geben könnte – denn beweisen kann es uns niemand. Wir können uns nur daran festhalten, was Gott uns versprochen hat: dass einmal die Zeit kommt, da muss sich niemand mehr mühsam durch sein Leben schleppen. Dass am Ende alle vor Freude springen können. Dass alle alles in ganzer Klarheit sehen können. Dass am Ende jeder dem anderen zuhört. Und wir können Ausschau halten nach Zeichen dafür, dass Gott noch an sein Versprechen denkt, ja, dass er schon angefangen hat, es einzulösen: jedes Mal dort, wo Menschen heil werden, wo sie mit sich und mit anderen ins Reine kommen, dort, wo uns ein Licht aufgeht im Dunkeln.

Diese Zeichen sind klein, das ist wohl wahr. Jesus sagt: „Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“ Jesus sagt nicht: Selig ist, wer nie an mir zweifelt. Denn das gibt es nicht. Der Zweifel gehört zum Glauben dazu. Jesus sagt: Selig ist, wer zwar zweifelt, aber nicht verzweifelt. Selig ist, wer sich nicht irremachen lässt von den ganzen Horrormeldungen und Gott-ist-tot-Propheten. Selig ist, wer Ausschau hält nach Gottes Hoffnungszeichen.

Also: Sollen wir auf einen anderen warten? Trotz aller Unsicherheit, trotz allen Zweifels finde ich: Nein.

Amen.

Pfarrer Moritz von Niedner